Alkoholfreie Getränke im Überblick: Wine Proxies, Sparkling Tea, Kombucha & mehr

von Lucas Matthies | veröffentlicht am 19. juli 2026

Alkoholfrei ist längst mehr als Wein ohne Alkohol, ein süßer Fruchtsaft oder die nüchterne Alternative für einen einzelnen Abend. Rund um Fermentation, Tee, Früchte, Kräuter, Destillation und neue Formen des Blendings entsteht eine eigenständige Getränkekultur – mit Säure, Textur, Tannin, Bitterkeit, Länge und gastronomischer Tiefe.

Viele dieser Getränke lassen sich klassischen Kategorien nicht mehr eindeutig zuordnen. Wine Proxies, Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha, Frucht-Cuvées und alkoholfreie Elixiere unterscheiden sich nicht nur durch ihre Zutaten, sondern vor allem durch ihre Herstellung, ihren geschmacklichen Aufbau und ihre Rolle am Tisch oder an der Bar.

Dieser Guide gibt einen umfassenden Einblick in diese neue Getränkewelt. Wir erklären die wichtigsten Kategorien und Herstellungsverfahren, zeigen ihre Unterschiede und ordnen ein, welche Getränke sich als Aperitif, Essensbegleitung, Cocktailzutat oder eigenständiges Genussgetränk eignen.

Über kein&low: Wer wir sind und warum es diesen Guide gibt

kein&low ist in Wien zu Hause und arbeitet von Beginn an europaweit. Wir suchen Getränke bei spezialisierten Produzent in ganz Europa, arbeiten eng mit der Gastronomie zusammen und liefern unser Sortiment über Österreich hinaus. Durch die deutschen Wurzeln unseres Gründungsteams verbindet uns zudem eine besondere Nähe zum deutschen Markt. Unser Standort ist Wien – unsere Perspektive ist europäisch.

Wir kuratieren alkoholfreie und alkoholreduzierte No/Low Speciality Beverages für Menschen, die weniger oder keinen Alkohol trinken möchten, ohne beim Geschmack Kompromisse einzugehen. Dabei verstehen wir uns nicht nur als Händler: Wir geben Orientierung in einer jungen Kategorie, erklären Herstellungsverfahren und zeigen, welches Getränk zu welchem Anlass, Gericht und persönlichen Geschmack passt.

Unsere Vision ist eine Getränkekultur, in der alkoholfreie und alkoholreduzierte Getränke nicht als Ausweichlösung gelten, sondern als eigenständiger Teil eines vielfältigen und anspruchsvollen Genussangebots.

Mehr über kein&low

Die Kategorien auf einen Blick

Was bedeuten 0,0 %, alkoholfrei und Low Alcohol?

Die Begriffe 0,0 Prozent, alkoholfrei und Low Alcohol werden häufig nebeneinander verwendet, bedeuten aber nicht dasselbe. Für unseren Guide und unser Sortiment nutzen wir deshalb eine klare Einteilung. Dabei ist wichtig: Unsere Einteilung dient der Orientierung innerhalb unserer No/Low-Auswahl. Die rechtliche Verwendung einzelner Bezeichnungen kann je nach Getränkekategorie abweichen.

0,0 % vol bedeutet für uns: ohne Alkohol. Ganz mathematisch muss diese Angabe jedoch nicht zwingend eine absolute Null bedeuten. Für vollständig oder teilweise entalkoholisierte Weinbauerzeugnisse sieht die 2026 beschlossene EU-Regelung die ergänzende Angabe „0,0 %“ bei einem vorhandenen Alkoholgehalt von höchstens 0,05 % vol vor. Diese Kennzeichnungsvorschrift gilt ab dem 19. September 2027 und bezieht sich ausdrücklich auf entsprechende Weinbauerzeugnisse – nicht automatisch auf sämtliche Getränke unseres No/Low Guides (Europäische Union, 2026).

Geringste Mengen Alkohol kommen auch auf natürliche Weise in alltäglichen Lebensmitteln vor. In einer Untersuchung von Lebensmitteln aus dem deutschen Handel wurden in einer reifen Banane durchschnittlich 0,02 Gramm Ethanol pro 100 Gramm gemessen, in einer sehr reifen Banane 0,04 Gramm. Die untersuchten Traubensäfte enthielten zwischen 0,29 und 0,86 Gramm Ethanol pro Liter (Gorgus, Hittinger und Schrenk, 2016). Diese Werte werden in Gramm pro Gewicht beziehungsweise Volumen angegeben und sind daher nicht unmittelbar mit der Alkoholangabe in % vol vergleichbar. Sie zeigen aber, dass geringste natürlich entstandene Alkoholmengen kein ausschließliches Merkmal von No/Low-Getränken sind.

Alkoholfrei verwenden wir für Getränke mit höchstens 0,5 % vol. Geringe Mengen Alkohol können während einer Fermentation entstehen oder nach einer Entalkoholisierung im Getränk verbleiben. Dazu zählen je nach Herstellungsweise beispielsweise Kombucha, fermentierte Wine Proxies oder entalkoholisierte Weine.

Low Alcohol ist bei kein&low eine eigene Definition und keine offizielle oder allgemein gültige Getränkekategorie. Unsere Idee war, das Komma bewusst um eine Stelle zu verschieben: von 0,5 auf 5,0. Als Low Alcohol bezeichnen wir deshalb Getränke mit mehr als 0,5 und weniger als 5 % vol.

Bei vielen dieser Getränke wurde ein ursprünglich höherer Alkoholgehalt nicht nachträglich reduziert. Der Alkohol entsteht während der Fermentation von Beginn an nur in geringer Menge. Daneben gibt es Projekte, bei denen der Alkohol gezielt auf ein bestimmtes Niveau abgesenkt oder ein alkoholhaltiger Bestandteil mit alkoholfreien Komponenten verschnitten wird, um den Gesamtalkoholgehalt zu verringern.

Unsere Einteilung lautet daher:

  • 0,0 % vol = ohne Alkohol
  • bis 0,5 % vol = alkoholfrei
  • über 0,5 bis unter 5 % vol = Low Alcohol nach unserer Definition

Zu allen Getränken mit 0,0 %

Zu allen Getränken bis 0,5 %

Alkoholfreier Wein: Wie er hergestellt wird – und warum unsere Auswahl klein ist

Bevor man einen entalkoholisierten Wein im Glas hat, beginnt seine Reise im Weingarten. Trauben werden gelesen, vergoren und ausgebaut. Wir haben nun Wein. Anschließend wird der Wein in spezialisierten Anlagen entalkoholisiert, beispielsweise durch Vakuumdestillation oder Umkehrosmose. Lange Zeit mussten österreichische Weingüter dafür auf Anlagen im Ausland zurückgreifen, da es bis 2026 keine Entalkoholisierungsanlage in Österreich gab (ORF Niederösterreich, 2026).

Das Verfahren hat einen entscheidenden Vorteil: Ausgangspunkt ist ein echtes Weinprodukt. Gleichzeitig ist Alkohol nicht nur berauschender Bestandteil, sondern auch Träger von Aroma, Körper und Textur. Wird er entfernt, können Frucht, Länge und Mundgefühl verloren gehen. Manche Produzent gleichen dies durch Süße, Aromen oder weitere Zutaten aus – nicht immer mit einem Ergebnis, das unserem Qualitätsverständnis entspricht.

Friederike war viele Jahre als Sommelière tätig, Lucas arbeitete im Weinmarketing und begeisterte sich schon lange für Weine. Mit der Gründung von kein&low wurde uns schnell bewusst, dass entalkoholisierte Weine für viele Menschen der erste Zugang zur Welt hochwertiger alkoholfreier Getränke sind. Entsprechend war diese Kategorie anfangs deutlich stärker in unserem Sortiment vertreten als heute. Je mehr wir verkosteten und je intensiver wir uns mit der neuen Getränkewelt beschäftigten, desto klarer wurde jedoch auch unser eigenes Qualitätsverständnis. Bis heute verkosten wir regelmäßig Neuheiten und verfolgen die Entwicklung der Kategorie aufmerksam. Unser Sortiment ist deshalb nicht kleiner geworden, weil wir die Kategorie weniger wichtig finden – sondern weil wir sie heute deutlich selektiver kuratieren. Dabei bestätigt sich für uns immer wieder ein ähnliches Bild: Weißweine und Schaumweine lassen sich deutlich überzeugender entalkoholisieren als Rotweine. Rebsorten mit ausgeprägter Säure, klarer Frucht und aromatischer Intensität fangen den Verlust von Alkohol häufig besser auf. Gerade Riesling bietet dafür gute Voraussetzungen.

Als österreichische, vergleichsweise zuckerarme Variante empfehlen wir gerne den Riesling Arioso von Matthias Reckendorfer aus dem Weinviertel. Arioso verbindet eine klare Riesling-Säure mit Steinobstaromatik und wird durch Umkehrosmose entalkoholisiert.

Wer eine deutsche Riesling-Interpretation im Stil eines leichten Kabinetts sucht, findet mit dem Riesling von I’m Not Full eine feine, frisch-fruchtige Alternative aus der Pfalz. Säure, Mineralität sowie Apfel- und Steinobstaromen verleihen ihm eine vertraute Riesling-Richtung.

Auch bei entalkoholisiertem Schaumwein sehen wir überzeugende Beispiele. Der Blanc de Blancs aus dem Hause I’m Not Full besitzt eine intensive Perlage und eine zugängliche Kernobstaromatik. Einige Monate auf der Feinhefe sorgen auch für etwas mehr Kraft am Gaumen. Er funktioniert sowohl pur als auch besonders gut als Grundlage für alkoholfreie Spritz-Varianten und andere gemixte Aperitifs.

Für wen sind entalkoholisierte Weine also vor allem interessant? Für Menschen, die geschmacklich möglichst nah an einem klassischen Wein oder Schaumwein bleiben möchten. Das kann gerade am Anfang der Beschäftigung mit alkoholfreien Getränken ein vertrauter und unkomplizierter Einstieg sein.

Wine Proxies setzen dagegen häufig eine gewisse Offenheit voraus. Sie wollen nicht zwingend wie Wein schmecken – und genau darin liegt ihre Stärke. Wer sich auf diese Kategorie einlässt, entdeckt nicht nur einen Ersatz für etwas Bekanntes, sondern eine neue Getränkewelt mit eigenen Aromen, Texturen und Regeln.

Spannende Grenzgänger sind der Embrizzo Weiß oder Embrizzo Rosé von Gut Hardegg. Hier wird ein Traubenkombucha auf der Basis von entalkoholisiertem Wein mit Kräutern und Blüten weiterentwickelt. Das Ergebnis ist ein spannender Grenzgänger zwischen entalkoholisiertem Wein und Wine Proxy – geprägt von Weinbau, Fermentation und einer ganz eigenen Handschrift.

Was sind Wine Proxies? Eine neue alkoholfreie Getränkekategorie

Wir sprechen bewusst gerne über Wine Proxies. Der englische Begriff „Proxy“ bedeutet Stellvertreter. Diese Getränke möchten nicht einfach „Wein ohne Alkohol“ sein und kopieren weder eine bestimmte Rebsorte noch einen bekannten Weinstil möglichst genau. Stattdessen übernehmen sie ähnliche Rollen innerhalb der Getränkekultur – als Aperitif mit Freund, als Begleitung zu einem Essen oder als bewusster Genussmoment.

Der Name beschreibt daher weniger einen bestimmten Geschmack als eine Funktion. Entscheidend sind für uns Struktur, Säure, aromatische Tiefe, Textur, Tannin und Länge. Ein guter Proxy greift Aromen auf, schafft Kontraste und kann sich über mehrere Gänge hinweg entwickeln.

Ein Proxy ist für uns keine bloße Mischung aus Fruchtsaft, Tee und Kräutern. Zu unserer Definition gehört immer ein zentraler handwerklicher Veredelungsschritt wie Fermentation oder Destillation. Die Ausgangsstoffe werden dadurch nicht nur miteinander vermischt, sondern geschmacklich transformiert.

Man kann diesen Prozess mit dem Weg vom Traubensaft zum Wein vergleichen: Durch die Gärung verändert sich der Rohstoff grundlegend. Neue Aromen und Texturen entstehen, während sich Säure, Süße und Struktur deutlich verändern. Bei einem Proxy erfolgt diese Veredelung jedoch nicht durch die alkoholische Gärung von Traubenmost. Stattdessen kann sie unter anderem durch Kombucha-Fermentation, Wasserkefir, Milchsäuregärung, Kwass, Hefefermentation oder die Destillation von Kräutern, Früchten und Botanicals entstehen. Anschließend verbinden Produzent:innen die daraus gewonnenen Komponenten häufig mit Tees, Säften, Verjus, Infusionen, Hölzern oder Gewürzen zu einer Cuvée.

Was einen Wine Proxy definiert

Veredelung statt bloßer Mischung

Mindestens ein zentraler Bestandteil wird durch Fermentation oder Destillation geschmacklich transformiert.

Struktur statt Limonadencharakter

Im Mittelpunkt stehen gastronomische Balance, Säure, Textur, Tannin, Länge und eine kontrollierte Süße.

Vielschichtige Aromatik

Tee, Kräuter, Früchte, Gemüse, Botanicals, Fermentationsnoten, Verjus, Hölzer und Gewürze können unterschiedliche aromatische Ebenen bilden.

Eigenständigkeit statt zwingender Imitation

Ein Proxy muss nicht wie Wein schmecken. Er soll jedoch eine vergleichbare Tiefe, Spannung oder Funktion am Tisch entwickeln.

Innerhalb der Kategorie finden sich sehr unterschiedliche Stilrichtungen. Manche Proxies orientieren sich geschmacklich stärker an Wein. Sie arbeiten beispielsweise mit Trauben, Verjus, Steinobst, Eiche, Tee oder einer vertrauten Säurestruktur.

Andere entfernen sich ganz bewusst davon und setzen etwa auf Reis oder Rhabarber, Schärfe, Bitternoten oder intensive Fermentationsaromen. Diese Proxies wollen keine bekannte Rebsorte imitieren. Sie entwickeln eine eigenständige Geschmackssprache und übernehmen dabei mühelos die Rolle eines komplexen Essensbegleiters.

Unsere Wine Proxies entdecken

Fünf Produzent:innen, fünf Wege zum Wine Proxy

Wie unterschiedlich Wine Proxies entstehen können, zeigen Produzent wie MURI, FERAL, ARENSBAK, Villbrygg und ALTER. Sie arbeiten mit verschiedenen Ausgangsstoffen und Techniken, verfolgen dabei aber ein ähnliches Ziel: Getränke mit Struktur, Tiefe und gastronomischer Relevanz, ohne klassischen Wein imitieren zu müssen.

MURI: viele Fermente in einer Cuvée

MURI gehört zu den frühen europäischen Produzent, die Methoden aus Fermentation, Küche und Getränkentwicklung konsequent auf alkoholfreie Menübegleitungen übertragen haben. Das Projekt wurde 2020 in Kopenhagen von Murray Paterson gegründet. Passing Clouds war die erste veröffentlichte Cuvée; als einer der ersten Gastronomiekunden nahm das Kopenhagener Restaurant Koan das Getränk auf seine Karte. Das heutige Team verbindet Wissen aus Küche, Destillation, Mixologie und Ciderproduktion und nutzt diese unterschiedlichen Perspektiven, um einzelne Komponenten gezielt zu entwickeln und zu komplexen Cuvées zusammenzuführen.

Kennzeichnend für MURI ist, dass die einzelnen Bestandteile nicht gemeinsam nach einem einzigen Verfahren verarbeitet werden. Jede Komponente wird zunächst separat behandelt und anschließend zu einer Cuvée verbunden – auch deshalb bezeichnet sich MURI als Urban Blendery.

Für Passing Clouds wird beispielsweise Quitte mit Wasserkefir fermentiert. Weißer Johannisbeersaft wird mit ausgewählten Hefen zu einem alkoholfreien Fruchtferment vergoren. Jasmintee wird kalt extrahiert, damit florale Aromen und feine Tannine erhalten bleiben, während Geranie gemeinsam mit Kwass zusätzliche Struktur und an Brioche erinnernde Noten entwickelt. Eine Infusion aus Waldmeister ergänzt eine honigartige, leicht marzipanartige Aromatik. Erst zum Schluss werden die unterschiedlichen Fermente und Infusionen zu einem trockenen, prickelnden Getränk verbunden.

Am Beispiel von Passing Clouds wird besonders deutlich, wie MURI arbeitet: Nicht ein einzelner Rohstoff bestimmt das Getränk, sondern das Zusammenspiel vieler separat entwickelter Komponenten.

FERAL: Milchsäuregärung als Grundlage

FERAL aus dem Trentino entwickelt alkoholfreie botanische Fermente auf Basis von Roter und Weißer Bete. Hinter dem Unternehmen steht ein Team aus Botaniker:innen, Wissenschaftler:innen und Köch:innen. In der eigenen Fermenteria in Mezzolombardo werden die Getränke fermentiert, mazeriert und abgefüllt.

Im Zentrum steht eine gezielt gesteuerte Milchsäuregärung. Ausgewählte Milchsäurebakterien wandeln die natürlich vorhandenen Zucker der Bete in Milchsäure um. Anders als bei einer alkoholischen Gärung entstehen dabei weder Alkohol noch Kohlensäure. Die fermentierte Basis wird anschließend mit Kräutern, Wurzeln, Gewürzen, Beeren oder Holz verbunden.

FERAL hat bislang sechs Cuvées entwickelt. Der Großteil der Abfüllungen besitzt 0,0 % vol und kommt ohne Perlage aus. Einzelne Getränke erscheinen als limitierte Editionen. Dazu gehört auch der prickelnde N°5 Pét-Nat Rosé.

FERAL N°1 basiert auf fermentierter Weißer Bete in Kombination mit Hopfen, Szechuanpfeffer und Chili. Er wirkt frisch und floral, mit zitrischen und mineralischen Eindrücken sowie Aromen, die an Litschi, Holunderblüte, weißen Pfirsich und Ingwer erinnern können. Trotz fehlender Kohlensäure besitzt er durch die milchsaure Fermentation und Schärfe Spannung und ein trockenes, strukturiertes Mundgefühl.

FERAL beweist, dass ein Wine Proxy weder Trauben noch Tee oder Perlage benötigt. Komplexität kann auch aus einem unscheinbaren Ausgangsstoff wie Bete entstehen, wenn dieser gezielt fermentiert und anschließend präzise mit Botanicals aufgebaut wird.

ARENSBAK: doppelt fermentierter Tee

ARENSBAK wurde 2020 in Kopenhagen vom Unternehmer Christian Arensbak gegründet. Für die geschmackliche und technische Entwicklung holte er die Sommelière Emilie Øst-Jacobsen und den Fermentationsexperten Bram Kerkhof ins Team. Emilie arbeitete zuvor unter anderem im Michelin-Restaurant Kong Hans Kælder und im Restaurant Alchemist. Sie ist für die sensorische Architektur und das Zusammenspiel der Zutaten verantwortlich. Bram bringt einen mikrobiologischen Hintergrund sowie Fermentationserfahrung aus dem Noma-Umfeld ein und entwickelte die technischen Verfahren.

Die Idee war, eine alkoholfreie Begleitung mit Vinosität, Tanninen und gastronomischer Tiefe von Grund auf neu aufzubauen. Dabei orientierte sich das Team nicht an einer bestimmten Rebsorte, sondern an Eigenschaften, die Emilie aus Wein und insbesondere aus der Naturweinwelt kannte: lebendige Säure, eine gewisse fermentative Rohheit, Textur und ein langer Nachhall. ARENSBAK beschreibt seine Getränke entsprechend als komplexe Proxies mit einer von Naturwein inspirierten „Rawness“, ohne konkrete Weine imitieren zu wollen.

Die Grundlage der Proxies bilden ausgewählte Tee's. In der ersten Fermentation entsteht ein Kombucha. Während einer zweiten Fermentationsphase kommen je nach Cuvée Früchte, Beeren, Blüten, Kräuter, Pilze oder Gewürze hinzu. Eichenholz ergänzt Tannin, Tiefe und Struktur. Insgesamt dauert die doppelte Fermentation rund 40 Tage.

Das Sortiment umfasst sowohl stille als auch prickelnde Abfüllungen. White und Red sind still, während Rosé und Effervescent mit Perlage angeboten werden. Dadurch zeigt ARENSBAK innerhalb eines gemeinsamen Herstellungsprinzips unterschiedliche Interpretationen von weißem, rotem, roséfarbenem und schäumendem Proxy.

Der stille ARENSBAK Red basiert auf Shu-Pu-Erh-Tee aus Yunnan. In der zweiten Fermentation werden Aronia, Schwarze Johannisbeere, Sauerkirsche und Pilze hinzugefügt. Wacholder, Lakritz und Eiche sorgen für erdige Würze, Umami, Tannin und ein tiefes Mundgefühl. Das Ergebnis ist trocken und dunkel, mit Beerennoten und einem langen, leicht herben Nachhall.

ARENSBAK macht sichtbar, wie sich die natürliche Säure und das Tannin von Tee durch Fermentation, Botanicals und Holz zu einer deutlich vinösen, aber dennoch eigenständigen Getränkestruktur weiterentwickeln lassen.

Villbrygg: nordische Landschaft im Glas

Villbrygg wurde 2018 in Oslo von Cornelia Øiestad und Vanessa Krogh gegründet. Im Mittelpunkt steht weniger eine bestimmte Getränketechnik als die Frage, wie sich die Aromen einer Landschaft in einem alkoholfreien Begleiter ausdrücken lassen.

Viele der verwendeten Kräuter, Blätter, Blüten und Beeren werden wild in Norwegen gesammelt oder stammen von biologisch und biodynamisch arbeitenden Betrieben. Villbrygg arbeitet dafür mit einem lokalen Netzwerk aus Sammler und Produzent zusammen, die ihre Regionen und die dort wachsenden Pflanzen genau kennen. Herkunft ist hier kein abstraktes Marketingmotiv, sondern bestimmt unmittelbar, welche Zutaten verfügbar sind, wann sie geerntet werden und wie das fertige Getränk schmeckt.

Der Villbrygg SKOG 03 bringt diesen Ansatz besonders deutlich zum Ausdruck. Fichtentriebe, Schafgarbe und Birkenblätter greifen typische Aromen nordischer Wälder auf und werden durch Zitronengras ergänzt. Die einzelnen Pflanzen werden zunächst extrahiert, anschließend miteinander verblendet und fermentiert. Eine feine Karbonisierung sorgt für Frische und Spannung.

So entsteht ein 0,0-prozentiger, prickelnder Wine Proxy mit Zitrus-, Kräuter- und ausgeprägten Waldnoten, der seine Herkunft ebenso erlebbar macht, wie wir es von Wein kennen.

ALTER: Komplexität ohne Fermentation

ALTER zeigt, dass ein Wine Proxy nicht zwingend fermentiert sein muss. Das junge belgische Label wurde von Alexander Scott Wingfield Jones, Ina Simone Averhals und Ruben Gust Jaak gegründet. Alexander bringt Erfahrung aus der Mixologie sowie aus Produktion und Destillation ein. Ina verantwortet Anbau, Pflanzenwissen und die Vorstellung eines eigenen botanischen Terroirs. Ruben verantwortet Design und Konzept. Viele verwendete Kräuter werden auf biologisch bewirtschafteten Feldern in Nijlen angebaut; Destillation und Blending finden in Antwerpen statt.

Trotz des jungen Labels greift das Team auf viel Erfahrung aus früheren Projekten zurück. Die Gründer stehen auch hinter A.I.R. Distillations, wo sie bereits alkoholfreie Destillate und komplexe Komponenten für die Bar entwickelten. Bei ALTER übertragen sie dieses Wissen nun auf Cuvées für Aperitif, Menübegleitung und klassische Weinmomente.

ALTER erzeugt seine Komplexität nicht durch Gärung, sondern durch Anbau, Extraktion, alkoholfreie Dampf- und Vakuumdestillation sowie präzises Blending. Kräuter und Blüten werden einzeln destilliert und anschließend schichtweise assembliert. ALTER spricht dabei von primären, sekundären und tertiären Aromen beziehungsweise einem „botanical ageing“. Unreife Trauben und ausgewählte Früchte liefern Säure, Saftigkeit und Struktur. Es entstehen 0,0-prozentige Cuvées ohne Fermentation, Entalkoholisierung oder künstliche Aromen.

Der prickelnde ALTER Geranium basiert auf Saft von unreifen Trauben sowie anderen Säften. Destillierte Zitronengeranie, Rosmarin und französische Eiche ergänzen zitrische, kräutrige und leicht tanninbetonte Ebenen. Eine feine Karbonisierung hebt die floralen Aromen hervor und gibt dem Getränk zusätzliche Spannung.

ALTER verdeutlicht damit die zweite große Veredelungslogik von Wine Proxies: Wo MURI, FERAL und ARENSBAK Rohstoffe vor allem durch Fermentation transformieren, baut ALTER seine aromatische Tiefe durch Destillation und Assemblage auf.

Wine Proxy's wie diese zeigen: es gibt kein starres Rezept. Es ist eine Kategorie für Getränke, deren Ausgangsstoffe durch Fermentation oder Destillation veredelt und anschließend zu einer Cuvée verbunden werden. Manche orientieren sich stärker an der Säure, dem Tannin oder der Aromatik von Wein. Andere entfernen sich bewusst davon und entwickeln eine vollkommen eigene geschmackliche Sprache.

Entscheidend ist nicht, ob das Getränk tatsächlich wie Wein schmeckt. Entscheidend ist, ob es jene Komplexität, Spannung und gastronomische Tiefe besitzt, die eine bewusste Verkostung und die Begleitung eines Essens interessant machen.

Sparkling Tea, Pét-Nat Tea und Kombucha: Tee als Essensbegleitung

Tee zählt aus kulturhistorischer und sensorischer Sicht neben Wein zu den komplexesten Getränkekategorien. Beide Getränke sind tief mit ihren Herkunftsregionen, jahrhundertealten Traditionen und unterschiedlichen Formen handwerklicher Verarbeitung verbunden.

Wie bei Wein bestimmen auch bei Tee zahlreiche Faktoren den späteren Geschmack: geografische Herkunft und Anbaubedingungen, Pflanzensorte, Erntezeitpunkt sowie die Art der Verarbeitung. Welken, Rollen, Trocknen, Oxidieren, Rösten, Reifen oder Fermentieren können aus demselben pflanzlichen Ausgangsmaterial vollkommen unterschiedliche Getränke entstehen lassen. Forschungsergebnisse zeigen entsprechend, dass sowohl Kultivar und Herkunft als auch Ernte und Verarbeitung das chemische und sensorische Profil eines Tees wesentlich prägen (Bortolini et al., 2021; Wang et al., 2019).

Aus den Blättern der Teepflanze Camellia sinensis entstehen unter anderem weißer, grüner, gelber, Oolong-, schwarzer und dunkler Tee. Dabei ist wichtig: Was bei schwarzem Tee traditionell häufig als „Fermentation“ bezeichnet wird, ist überwiegend eine enzymatische Oxidation. Enzyme fördern die Oxidation der im Blatt enthaltenen Polyphenole und tragen so entscheidend zur Farbe, Aromatik und Struktur des schwarzen Tees bei (Wang et al., 2019).

Tee besitzt von Natur aus viele Eigenschaften, die für eine gastronomische Getränkebegleitung entscheidend sind: Gerbstoffe, Bitterkeit, Umami, aromatische Tiefe, Textur und Länge. Je nach Sorte, Herkunft und Verarbeitung kann er floral, grasig, zitrisch, nussig, rauchig, erdig, fruchtig oder würzig wirken (Bortolini et al., 2021).

In vielen asiatischen Ländern begleitet Tee eine Mahlzeit mit einer Selbstverständlichkeit, die in Europa eher dem Glas Wein vorbehalten ist. Hierzulande wird er dagegen bislang nur selten als eigenständiger Begleiter zu einem Menü verstanden. Moderne Herstellungsweisen können Tee stärker an jene sensorischen Erwartungen annähern, die ein europäisch geprägter Gaumen lange vor allem mit Wein verbunden hat: Durch Blending, Fermentation, Extraktion oder Karbonisierung entstehen Getränke mit zusätzlicher Säure, Textur, Perlage und Länge, die zugleich den Charakter des Tees bewahren.

So lassen sich diese Getränke leichter als Aperitif oder Menübegleitung in europäisch geprägten Küchen einsetzen. Sie ersetzen dabei nicht den klassischen Tee, sondern eröffnen einen weiteren Zugang zu seiner aromatischen Vielfalt und gastronomischen Tiefe.

Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha und Wine Proxy im Vergleich

Sparkling Tea: Tee mit Perlage

Sparkling Tea basiert meist auf einer Cuvée aus unterschiedlichen Tees und Tisanes. Tisanes sind Aufgüsse aus Pflanzen, die nicht von der klassischen Teepflanze Camellia sinensis stammen – etwa Kräuter, Blätter, Blüten, Früchte oder Gewürze.

Die einzelnen Komponenten werden häufig bei unterschiedlichen Temperaturen und Ziehzeiten extrahiert und anschließend miteinander verblendet. Fruchtsäfte, Verjus, Kräuterauszüge oder andere botanische Bestandteile können zusätzliche Säure, Körper und aromatische Tiefe einbringen.

Bei nahezu allen Sparkling Teas wird die fertige Cuvée karbonisiert; eine Fermentation des gesamten Getränks steht meist nicht im Mittelpunkt. Sparkling Teas können dadurch leicht und zugänglich wirken, zugleich aber genügend Struktur für einen Aperitif, eine Menübegleitung oder einen festlichen Anlass besitzen.

Ein frühes und besonders eigenständiges Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist Von Wiesen aus Deutschland. Das Projekt überträgt die Idee des Sparkling Teas konsequent auf die Aromen einer mitteleuropäischen Landschaft. Statt Grüntee, Schwarztee oder Oolong bilden regionale Kräuter und Blätter wie Eisenkraut oder Brombeerblatt die Grundlage. Hinzu kommen Früchte von regionalen, biologisch bewirtschafteten Betrieben und naturbelassenen Streuobstwiesen.

Die vorhandene Süße stammt aus den eingesetzten Direktsäften; zusätzlicher Zucker wird nicht benötigt. Bei Eisenkraut & Quitte treffen beispielsweise ein Eisenkrautaufguss und Quittensaft auf Hopfen sowie eine kleine Menge Saft aus milchsauer fermentiertem Knollensellerie, der zusätzliche Struktur und Umami einbringt. Fermentation ist hier also durchaus Teil der Herstellung, prägt aber nur eine einzelne Komponente und nicht den grundsätzlichen Charakter des Getränks. Nach dem Blending wird die Cuvée karbonisiert und abgefüllt. Hier stehen die Primäraromen regionaler Früchte, Kräuter und Blätter im Mittelpunkt.

Ein österreichisches Beispiel ist La Maison Tea Royal, ein gemeinsames Projekt der Weingüter Schauer und Firmenich aus der Südsteiermark. Hier stehen klassische Teesorten stärker im Mittelpunkt, die mit Kräutern, Blüten, Gewürzen und Bestandteilen aus den eigenen Weingärten zu alkoholfreien Cuvées verbunden werden.

Pét-Nat Tea: natürlich fermentierter und prickelnder Tee

Pét-Nat Tea verbindet Tee oder Kräuteraufgüsse mit natürlicher Fermentation. Der Name leitet sich von „Pétillant Naturel“ ab. Wie bei seinem Vorbild aus der Weinwelt erzeugt die Gärung nicht nur neue Aromen und Struktur, sondern auch die natürliche Perlage.

Im Unterschied zum klassischen Sparkling Tea wird die Teebasis dabei geschmacklich transformiert. Hefen und Bakterien wandeln Zucker um und erzeugen Säure, Kohlensäure und neue aromatische Verbindungen. Je nach Ausgangsmaterial, verwendeter Kultur, Fermentationsdauer und Reifung können die Getränke floral, kräutrig, fruchtig, erdig, würzig oder deutlich von Fermentationsnoten geprägt sein.

Ein prägendes Beispiel ist AMA Impossible Pétillant Naturel, ehemals AMA Brewery, aus dem Baskenland. AMA arbeitet mit hochwertigen Herkunftstees und Kräutern von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben sowie regionalem Quellwasser. Die Aufgüsse werden mit ausgewählten Hefe- und Bakterienkulturen natürlich fermentiert und entwickeln sich anschließend in der Flasche weiter. Je nach Abfüllung entstehen sowohl alkoholfreie als auch alkoholreduzierte Pét-Nat Teas.

Die verwendeten Tees und Pflanzen sind dabei keine neutralen Träger, sondern prägen den Charakter jeder Abfüllung. Der alkoholfreie AMA No. 540 Lemongrass wirkt auf seiner Grüntee-Basis aus Sencha mit Zitrusblättern, grünen Kräutern, trockenem Heu und feinen Gewürznoten frisch und geradlinig. Der AMA No. 5 Jasmine Silver Needle mit 1,5 % vol zeigt dagegen eine florale, fast honigartige Aromatik mit Noten von Akazie und weißen Blüten. Fermentation, Reifung und natürliche Perlage erweitern die ursprünglichen Aromen und geben den Getränken zusätzliche Textur und Tiefe.

Auch Combuchont aus Oberösterreich gehört für uns klar in die Kategorie Pét-Nat Tea. Küchenchef Klemens Gold verarbeitet hochwertiges Alpenwasser, Gyokuro und Oolong und fermentiert die Tees mit einer eigens kultivierten Hefekultur. Der entstandene Ferment wird anschließend unter anderem mit im Holz ausgebautem Tee und botanischen Komponenten wie Feigenblatt oder Shiso assembliert.

Bei der alkoholfreien W/O-Serie entsteht auch die Perlage überwiegend durch die eigene Fermentation: Rund 60 Prozent der Kohlensäure bilden sich im Getränk selbst. Die übrigen etwa 40 Prozent stammen als natürlich gewonnenes CO₂ aus der Weingärung des Weinguts Bründlmayer. Combuchont verbindet damit natürliche Fermentation, Assemblage, Reifung und eine ergänzende Karbonisierung.

Die W/O-Serie zeigt zugleich, dass die Grenzen zwischen Sparkling Tea und Pét-Nat Tea nicht immer vollkommen starr sind. Entscheidend für unsere Einordnung ist, welcher Herstellungsschritt den Charakter des Getränks prägt. Da bei Combuchont die Fermentation die Teebasis transformiert und einen wesentlichen Teil der Perlage erzeugt, ordnen wir die Abfüllungen als Pét-Nat Tea ein.

Da bei natürlicher Fermentation auch Alkohol entstehen kann, ist Pét-Nat Tea nicht automatisch ein 0,0-Prozent-Produkt. Manche Abfüllungen sind alkoholfrei, andere fallen in den Low-Alcohol-Bereich.

Kombucha: fermentierter Tee

Auch Kombucha beginnt mit Tee. Klassischerweise wird ein gesüßter Teeaufguss mithilfe einer symbiotischen Kultur aus Hefen und Bakterien fermentiert, die häufig als SCOBY bezeichnet wird (Wang et al., 2022).

Während dieses Prozesses bauen Hefen einen Teil des Zuckers ab und bilden dabei unter anderem geringe Mengen Alkohol und Kohlendioxid. Essigsäurebakterien verstoffwechseln einen Teil des entstandenen Alkohols weiter und erzeugen Essigsäure sowie weitere organische Säuren. Dadurch verändert sich der Tee grundlegend: Die Süße nimmt ab, Säure entsteht und die Aromatik entwickelt zusätzliche fermentative Ebenen (Wang et al., 2022).

Kombucha kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Manche Produkte sind leichte, frische Durstlöscher in kleinen Flaschen. Andere sind trocken, komplex und ausdrücklich als gastronomische Begleiter konzipiert. Teeart, Zuckergehalt, Fermentationsdauer, Temperatur und die Zusammensetzung der verwendeten Kultur beeinflussen das Ergebnis. Früchte, Kräuter oder Gewürze können das Aromaprofil anschließend oder bereits während der Fermentation zusätzlich prägen (Wang et al., 2022).

BOUCHE aus Berlin produziert beispielsweise Kombucha und limitierte Proxy Wines. FOLK aus Kopenhagen arbeitet mit rohem, unpasteurisiertem und lebendigem Kombucha. Die Getränke werden langsam fermentiert und nicht gefiltert. Früchte, Beeren, Kräuter und Blüten ergänzen den Tee, ohne seinen fermentierten Charakter zu überdecken.

Kombucha ist nicht automatisch ein 0,0-Prozent-Produkt. Während der Fermentation bilden Hefen Alkohol, den Essigsäurebakterien teilweise zu Essigsäure umwandeln. Je nach Rezeptur, Mikroorganismen, Fermentationsdauer und Lagerung kann jedoch Restalkohol im fertigen Getränk verbleiben (Chan et al., 2021). Bei kein&low geben wir den Alkoholgehalt deshalb für jedes Produkt separat an.

Fermentierter Tee bildet zugleich die Grundlage vieler Wine Proxies. Dort ist der Kombucha jedoch nicht das fertige Getränk, sondern ein Baustein, der Säure, Textur und fermentative Tiefe in die spätere Cuvée einbringt.

Bei SIUS aus Österreich bildet eine kontrollierte Kombucha-Fermentation aus ausgewählten Tees das aromatische Gerüst. Sie bringt organische Säuren, Textur und Länge ein. Anschließend wird die Basis mit Kräutern, Holz und regionalen Früchten zu den jeweiligen Cuvées weiterentwickelt.

Einen besonders zeitintensiven Ansatz verfolgt Nivers aus Frankreich. Dort werden hochwertige Teeansätze mindestens sechs Monate lang mit einer Kombucha-Kultur fermentiert. Heiß- und Kaltextraktionen dienen dazu, Tannin, Umami und feine Säure zu entwickeln und auszubalancieren. Erst danach werden die Fermente mit Verjus aus Bordeaux und botanischen Aufgüssen cuvetiert.

Obwohl Kombucha beziehungsweise fermentierter Tee bei diesen Produzent eine zentrale Grundlage bildet, ordnen wir die fertigen Getränke den Wine Proxies zu. Ausschlaggebend ist, dass der Fermentationsansatz anschließend weiterverarbeitet, verfeinert und mit weiteren Komponenten zu einer neuen Cuvée aufgebaut wird. Der Kombucha ist hier also nicht das Ziel, sondern ein Baustein für zusätzliche Säure, Struktur und aromatische Tiefe.

Die Grenzen zwischen Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha und Wine Proxy verlaufen nicht immer eindeutig. Viele Produzent entwickeln eigene Methoden, die Elemente mehrerer Kategorien miteinander verbinden. Für unsere Einordnung entscheidet deshalb nicht allein die Zutatenliste, sondern vor allem der Herstellungsschritt, der den Charakter des fertigen Getränks prägt.

Die Unterschiede im direkten Vergleich

Sparkling Tea

Bei Sparkling Tea stehen die Tee- oder Tisane-Cuvée, das Blending und die zugesetzte Kohlensäure im Vordergrund. Fermentation kann bei einzelnen Komponenten eine Rolle spielen, bestimmt aber in der Regel nicht den Charakter des fertigen Getränks.

Pét Nat Tea

Bei Pét-Nat Tea ist die natürliche Fermentation wesentlich für die Entstehung von Perlage, Säure, Textur und Aromatik. Der fermentierte Tee bildet das fertige Getränk.

Kombucha

Bei Kombucha wird gesüßter Tee mithilfe einer Symbiose aus Hefen und Bakterien fermentiert. Nach der Gärung wird er je nach Produkt noch mit Früchten, Kräutern oder Gewürzen verfeinert, bleibt in seinem Charakter jedoch klar als Kombucha erkennbar.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen pasteurisiertem und unpasteurisiertem Kombucha. Pasteurisierter Kombucha wird durch Erhitzung stabilisiert, wodurch die enthaltenen Mikroorganismen weitgehend inaktiviert werden. Unpasteurisierter, sogenannter lebendiger Kombucha enthält dagegen weiterhin aktive Kulturen. Muss in seiner Lagerung aber dafür gekühlt werden. Geschmacklich kann er sich auch nach der Abfüllung noch leicht weiterentwickeln,

Wine Proxy

Bei einem Wine Proxy auf Basis von fermentiertem Tee ist Kombucha oder ein anderer Teeferment lediglich der Ausgangspunkt. Die Basis wird anschließend weiterverarbeitet, mit Früchten, Kräutern, Verjus, botanischen Auszügen, Holz oder weiteren Fermenten cuvetiert und zu einem neuen Getränk aufgebaut. Entscheidend ist hier nicht mehr allein der Charakter des Kombuchas, sondern die Komposition als komplexe, gastronomische Begleitung.

Vereinfacht gesagt: Bei Kombucha ist der fermentierte Tee das fertige Getränk. Bei einem Wine Proxy auf Teebasis bildet er dagegen einen Baustein innerhalb einer weiterentwickelten Cuvée.

Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha und jene Wine Proxies, die mit fermentiertem Tee arbeiten, verbindet ein komplexer Ausgangspunkt: Tee. Herkunft, Sorte, Verarbeitung und Fermentation prägen Struktur, Aromatik und Charakter des fertigen Getränks. Gerade deshalb zählt Tee für uns zu den spannendsten Feldern für die Entwicklung hochwertiger alkoholfreier und alkoholreduzierter Begleiter.

Zu unser Sparkling und Pét-Nat Tea sowie Kombucha Auswahl

Frucht-Cuvées und Fruchtessenzen: mehr als Saft

Nicht jedes komplexe alkoholfreie Getränk ist automatisch ein Wine Proxy. Wir unterscheiden bewusst zwischen Wine Proxies, Frucht-Cuvées und Fruchtessenzen.

Bei Frucht-Cuvées und Fruchtessenzen stehen meist die Primäraromen der verwendeten Früchte stärker im Vordergrund. Apfel, Birne, Kirsche, Quitte, Traube oder Beeren sind häufig unmittelbar erkennbar. Die Qualität entsteht aus der Fruchtsorte, ihrer Reife, ihrem Anbauort, dem Jahrgang und einer sorgfältigen Verarbeitung.

Eine Frucht-Cuvée verbindet unterschiedliche Fruchtsäfte häufig mit Kräutern, Blüten, Gewürzen oder pflanzlichen Auszügen. Sie kann ein Menü hervorragend begleiten, muss sich geschmacklich und strukturell aber nicht an Wein orientieren.

Ein Beispiel ist L’Antidote von Domaine des Grottes. Romain des Grottes verbindet Trauben- und Apfelsaft mit Ingwer, Zitrone und zahlreichen Kräutern aus seinen Weinbergen und deren Umgebung. Die Primärfrucht bleibt erkennbar und wird durch kräutrige, würzige und zitrische Ebenen ergänzt. Das Ergebnis ist eine eigenständige Frucht-Kräuter-Cuvée – und gerade deshalb kein Wine Proxy.

Bei Fruchtessenzen und reinsortigen Säften steht die einzelne Frucht noch klarer im Mittelpunkt. Bei Wachstum König und in der Edition-Sommelier-Linie von Obsthof Retter finden wir limitierte Jahrgangssäfte aus Sorten wie Quitte, Vogelkirsche oder Birne. Beide zeigen, dass sich Herkunft, Sorte, Jahrgang, Säure und natürliche Phenolik bei Fruchtgetränken ähnlich präzise behandeln lassen wie bei Wein – ohne diesen imitieren zu müssen.

Zu allen Frucht-Cuvées und Fruchtessenzen

Alkoholfreie Spirituosen? Warum wir von Elixieren, Aperitifs und Destillaten sprechen

Der Ausdruck „alkoholfreie Spirituose“ ist im Alltag verständlich, fachlich und rechtlich jedoch problematisch. Eine Spirituose ist nach europäischer Definition grundsätzlich ein alkoholisches Getränk und muss mindestens 15 % vol enthalten. Die einzige Ausnahme bildet Eierlikör beziehungsweise Advocaat mit mindestens 14 % vol. Ein Getränk mit 0,0 % oder weniger als 0,5 % vol kann daher rechtlich nicht als Spirituose bezeichnet werden.

Noch klarer ist die Rechtslage bei geschützten Bezeichnungen wie Gin. Gin muss nach der europäischen Spirituosenverordnung mindestens 37,5 % vol enthalten. Im November 2025 entschied der Europäische Gerichtshof zudem, dass ein alkoholfreies Getränk nicht als „Gin“ vermarktet werden darf – auch dann nicht, wenn die Bezeichnung ausdrücklich um das Wort „alkoholfrei“ ergänzt wird. Gegenstand des Verfahrens war ein Produkt mit der Bezeichnung „Virgin Gin Alkoholfrei“ (Europäische Union 2019; EuGH, 2025).

Wir verwenden deshalb bevorzugt Begriffe wie:

  • alkoholfreies Elixier
  • alkoholfreier Aperitif
  • Botanical Blend
  • alkoholfreies Destillat

Hinter diesen Begriffen verbirgt sich keine einheitliche Getränkekategorie. Manche Produkte sind konzentriert und ausdrücklich für das Mixen mit Tonic, Soda oder anderen Zutaten entwickelt. Andere besitzen genügend Körper, Textur und Länge, um pur oder auf Eis getrunken zu werden. Wieder andere funktionieren sowohl als Aperitif als auch als Bestandteil komplexer Cocktails.

Auch geschmacklich verfolgen die Produzent:innen unterschiedliche Ansätze. Manche Getränke orientieren sich bewusst an bekannten alkoholischen Vorbildern. Sie greifen vertraute Aromen und Trinkmomente auf und erleichtern dadurch den Einstieg.

Andere möchten sich möglichst weit von einer reinen Kopie entfernen. Sie entwickeln eine eigenständige Aromatik aus Kräutern, Wurzeln, Früchten, Getreide, Holz, Fermenten und Destillaten. Dieser Ansatz war uns bei kein&low von Anfang an besonders wichtig. Uns geht es nicht darum, alkoholfreie Kopien bekannter Getränke zu finden, sondern neue geschmackliche Möglichkeiten zu entdecken.

Solche Elixiere sind manchmal erklärungsbedürftiger. Sie verlangen, dass man sich mit ihrer Dosierung, ihrem idealen Mixer oder ihrer Rolle in einem Drink auseinandersetzt. Gleichzeitig entsteht genau daraus mehr Freiheit: Barkeeper:innen und neugierige Genießer:innen müssen nicht zwingend einen bekannten Cocktail kopieren, sondern können mit Säure, Bitterkeit, Süße, Textur und Botanicals etwas Eigenes entwickeln. Manchmal gewinnt dabei die Kreativität. In anderen Momenten ist es schöner, sich mit einem vertrauten Geschmack zurückzulehnen und sicher zu wissen: Das ist alkoholfrei.

OPIUS: konzentrierte Elixiere aus Belgien

OPIUS wurde 2020 von den beiden Cocktail-Enthusiasten Leander Beuckels und Lucas Lambrechts gegründet. Gemeinsam mit dem Master Distiller und Professor an der Universität Gent, Prof. Dr. Benedikt Sas, entwickelten sie alkoholfreie Elixiere, die nicht aus einer zuvor alkoholischen Spirituose hervorgehen, sondern von Grund auf ohne Alkohol konzipiert werden.

OPIUS selbst beschreibt seine Produkte weniger als Spirituosen denn als Aromen oder Elixiere, die in Getränken und teilweise auch in Speisen eingesetzt werden können. Ihre Herstellung verbindet Fermentation, Hydrodestillation, Tinkturen und lange Mazerationen. Da Alkohol als klassischer Aroma- und Texturträger fehlt, verarbeitet OPIUS große Mengen an Kräutern, Gewürzen und Botanicals. Ein Produktionsdurchgang von rund 400 Flaschen kann zwischen vier und fünf Wochen dauern.

Der Bezug zur Parfümerie ist dabei durchaus passend. Das bedeutet nicht, dass die Produkte wie Parfum schmecken sollen. Vielmehr orientiert sich die Entwicklung an Methoden wie der separaten Extraktion einzelner Rohstoffe, dem präzisen Schichten von Aromen und dem kontrollierten Zusammensetzen flüchtiger und tieferer Duft- und Geschmackskomponenten.

Ein gutes Beispiel ist OPIUS Rubedo. Das 0,0-prozentige Elixier verbindet Orangenschale, Enzian, Chinotto und Rhabarber. In der Nase steht eine intensive Orangenaromatik im Vordergrund, bevor florale und kräutrige Eindrücke sowie ein deutlich bitterer Nachhall folgen.

Rubedo erinnert in seiner bitteren Zitrusstruktur an die Welt klassischer Aperitifs, will aber keine bestimmte Spirituose exakt imitieren. Es eignet sich besonders für einfache, klare Drinks mit Tonic oder Soda, kann aber auch als bittere und aromatische Komponente in komplexeren Cocktails eingesetzt werden.

Three Spirit: Functional Drinks für unterschiedliche Momente

Three Spirit wurde von Dash Lilley, Tatiana Mercer und Meeta Gournay gegründet. Das Gründungsteam verbindet Erfahrungen aus Getränkeentwicklung, Gastronomie, Unternehmertum, Markenaufbau und pflanzenbasierten Traditionen. Dabei prägt Meeta Gournay vor allem die Auseinandersetzung mit pflanzlichen Traditionen und ayurvedischen Denkweisen.

Three Spirit gehört zu den bekanntesten Vertretern des Functional-Drink-Ansatzes. Dabei stehen nicht nur Geschmack und Mundgefühl, sondern auch der jeweilige Trinkmoment im Mittelpunkt. Die drei zentralen Elixiere sind für unterschiedliche Stimmungen konzipiert: Livener für einen anregenden Beginn des Abends, Social für gesellige Momente und Nightcap für einen ruhigeren Ausklang.

Ein Beispiel ist der Three Spirit Livener. Das alkoholfreie Elixier verbindet unter anderem Guayusa, Guavenblatt, Schisandra, Hibiskus, fruchtige Komponenten und eine leichte Schärfe. Sensorisch wirkt es frisch, beerig, floral und feurig, mit spürbarem Tannin und Würze.

Livener enthält Guayusa sowie zugesetztes Koffein und L-Theanin. Three Spirit positioniert das Elixier deshalb als aktivierendes „Pick-me-up“ für den Beginn eines Abends oder einen geselligen Anlass. Wie stark eine solche Wirkung wahrgenommen wird, ist individuell und hängt unter anderem von der persönlichen Empfindlichkeit gegenüber Koffein ab. Livener sollte daher nicht wie ein medizinisches Produkt oder mit einer garantierten Wirkung verstanden werden.

Begriffe wie Adaptogen oder Nootropikum verwenden wir ebenfalls mit Bedacht. Sie beschreiben die konzeptionelle Auswahl bestimmter Pflanzen und Inhaltsstoffe, sind aber kein automatischer Beleg für eine konkrete gesundheitliche Wirkung des fertigen Getränks. Für uns bleibt entscheidend, dass Livener auch geschmacklich funktioniert: pur auf Eis, mit einem Mixer oder als lebendige, würzige Grundlage für einen alkoholfreien Cocktail.

SYLVA: Holz und Getreide für den puren Genuss

SYLVA wurde von Ben Branson entwickelt, der zuvor mit Seedlip eine der ersten international sichtbaren Marken für destillierte alkoholfreie Getränke aufgebaut hatte. Mit SYLVA verfolgt er einen deutlich anderen Ansatz: Statt zu versuchen, bekannte dunkle Spirituosen möglichst exakt alkoholfrei nachzubauen, erforscht das Projekt die Aromen von Getreide und Holz.

Die Getränke sind bewusst für den langsamen, überwiegend puren Genuss entwickelt. SYLVA selbst beschreibt sie als „sipping spirits“ – also komplexe dunkle Getränke, die man in Ruhe, pur oder auf Eis trinken kann. Sie sollen vertraute Trinkmomente dunkler Spirituosen aufgreifen, ohne deren Regeln oder genaue Aromatik übernehmen zu müssen.

Der Herstellungsprozess beginnt mit Getreide. Dieses wird je nach gewünschtem Profil gemälzt, getoastet, geröstet oder geräuchert. Anschließend kommen Verfahren wie Vakuumdestillation und Schwerkraftperkolation zum Einsatz, um unterschiedliche Aromen und Texturen aus dem Getreide zu gewinnen.

Noch stärker steht jedoch Holz im Mittelpunkt. Hölzer werden gesammelt oder gezielt ausgewählt, gespalten, zerkleinert, getoastet, geröstet oder verkohlt. Anders als bei Whisky wird nicht nur ein fertiges Getränk in einem Eichenfass gelagert. Das Holz selbst wird als vielseitiger aromatischer Rohstoff betrachtet und mit unterschiedlichen Verfahren untersucht.

Eine zentrale Technik ist die sogenannte sonische Reifung. Starke Ultraschallwellen erzeugen winzige Kavitationsbewegungen und beschleunigen den Austausch zwischen der Flüssigkeit und den festen Zutaten. SYLVA nutzt dieses Verfahren, um innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit Farbe, Aroma und Textur aus Getreide und Holz zu gewinnen.

SYLVA arbeitet derzeit in einem Destillations- und Reifungslabor an der Grenze zwischen Essex und Suffolk, umgeben von Wald, Wiesen und Wasserläufen. Das Projekt versteht sich jedoch weniger als klassische Marke mit einem unveränderlichen Kernprodukt denn als fortlaufendes Labor. Verschiedene Abfüllungen erforschen unterschiedliche Getreidesorten, Baumarten, Jahreszeiten, Landschaften und Herkünfte.

Nach Angaben von SYLVA wurden inzwischen mehr als 200 Baumarten als potenzielle aromatische Rohstoffe untersucht. Diese Offenheit macht SYLVA für uns besonders spannend. Holz dient nicht nur dazu, ein bekanntes Aroma zu imitieren. Es wird als eigenständige, bislang wenig erforschte geschmackliche Welt verstanden. Getreide, Herkunft, Röstung, Rauch, Destillation und Reifung werden so zu Werkzeugen für ein Getränk, das vertraut wirken kann, aber dennoch eine eigene Kategorie beansprucht.

OPIUS, Three Spirit und SYLVA zeigen damit drei sehr unterschiedliche Wege: OPIUS entwickelt konzentrierte Elixiere für Aperitif und Mixologie, Three Spirit verbindet Getränkekultur mit funktionellen Pflanzen, und SYLVA schafft dunkle, gereifte Getränke für den puren Genuss. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht lediglich Alkohol entfernen. Sie bauen ihre Produkte von Grund auf neu auf – und nutzen diese Freiheit, um eine eigenständige alkoholfreie Genusswelt zu gestalten.

Zu allen Elixieren, Aperitifs & 0,0% Destillaten

Alkoholfreie Getränke vom Weingut: Was Winzer:innen neu entwickeln

Der Weinmarkt steht derzeit unter erheblichem Druck. Auch in Österreich und Deutschland ist der rückläufige Konsum inzwischen klar messbar: In Österreich sank der rechnerische Pro-Kopf-Verbrauch im Wirtschaftsjahr 2024/25 von 26,0 auf 25,5 Liter. Im deutschen Weinwirtschaftsjahr 2024/25 ging der Weinkonsum bei den über 16-Jährigen von 22,2 auf 21,5 Liter pro Person zurück (Statistik Austria, 2026; Deutsches Weininstitut, 2026).

Noch unmittelbarer zeigt sich die Zurückhaltung in den aktuellen Verkaufszahlen: Im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel wurden in den ersten drei Quartalen 2025 insgesamt 5,2 Prozent weniger Wein verkauft; auch im Gastronomiegroßhandel ging der Absatz um 4,6 Prozent zurück (Österreich Wein Marketing, 2025). Gleichzeitig verändern sich Trinkgewohnheiten und die Erwartungen der Gäste. Für viele Weinbaubetriebe stellt sich deshalb nicht mehr nur die Frage, wie sie weiterhin Wein erzeugen, sondern auch, welche anderen Getränke aus ihrem Wissen, ihren Flächen und ihren Rohstoffen entstehen können.

Immer mehr Winzer:innen denken daher über die klassische Weinbereitung hinaus. Statt zunächst Wein herzustellen und ihm anschließend den Alkohol zu entziehen, übertragen sie ihre Erfahrung mit Landwirtschaft, Herkunft, Säure, Reife, Fermentation, Cuvéetierung und Essensbegleitung auf neue Getränke.

Die Motivation ist dabei nicht immer dieselbe. Einige Produzent:innen beschäftigen sich mit großer Überzeugung und viel Neugier mit einer neuen Getränkekategorie. Sie entwickeln eigene Verfahren, bauen neue Kompetenzen auf und hinterfragen ihre bisherige Arbeit. Andere erkennen zunächst eine wachsende Nachfrage oder eine wirtschaftlich interessante Marktlücke.

Beides muss einem guten Produkt nicht grundsätzlich im Weg stehen. Für uns ist jedoch entscheidend, ob ein Getränk eine nachvollziehbare Idee, hochwertige Rohstoffe und eine eigenständige handwerkliche Handschrift besitzt – oder lediglich auf einen aktuellen Trend reagiert. Gerade in einer jungen Kategorie merkt man schnell, wie ernst ein Projekt Herkunft, Herstellung und Geschmack tatsächlich nimmt.

Gut Feeling by Gut Oggau: den gesamten Kreislauf ins Glas bringen

Stephanie und Eduard Tscheppe-Eselböck verstehen die biodynamisch bewirtschafteten Flächen von Gut Oggau im Burgenland nicht als reine Produktionsorte für Trauben, sondern als lebendige Gärten und zusammenhängende Ökosysteme. Mit Gut Feeling übertragen sie diese Haltung auf ein alkoholfreies Getränk.

Dafür werden Kräuter und Wildpflanzen geerntet, die in und um die Weinberge wachsen. Aus ihnen entstehen botanische Auszüge, die mit natürlichen Mikroorganismen fermentiert und anschließend ungefiltert abgefüllt werden. Das Ergebnis ist ein floral-kräutriges Getränk mit feiner Bitterkeit und einer sanften natürlichen Perlage.

Gut Feeling versucht nicht, einen Wein von Gut Oggau ohne Alkohol nachzubilden. Statt nur die Traube zu betrachten, wird das gesamte Umfeld der Reben zum Ausgangspunkt.

Von Wiesen: Erfahrung aus der Sektherstellung

Bei Von Wiesen fließt die Erfahrung des Teams von Griesel & Compagnie mit Sekt, Cuvéetierung und Perlage in Getränke aus regionalen Früchten und Kräutern ein. Das Obst der Von-Wiesen-Reihe stammt von naturbelassenen Streuobstwiesen. So wird die Präzision der Sektherstellung auf die Pflanzenwelt Mitteleuropas übertragen, ohne klassischen Schaumwein geschmacklich kopieren zu wollen.

Domaine des Grottes: die Traube jenseits von Wein

Bei der biodynamisch arbeitenden Domaine des Grottes bleibt die Traube stärker im Mittelpunkt. Für L’Antidote verbindet Romain des Grottes Trauben- und Apfelsaft mit Ingwer, Zitrone sowie zahlreichen Kräutern und Pflanzen aus seinen Weinbergen. Die Bestandteile werden miteinander cuvetiert und anschließend karbonisiert.

Die Idee zu L’Antidote entstand bereits 2010; die erste kommerzielle Abfüllung folgte 2017. Innerhalb der europäischen Naturweinszene entwickelte sich das Getränk in den folgenden Jahren zu einem Kultprodukt. Zu dieser Sichtbarkeit trugen auch namhafte gastronomische Adressen bei. In den Londoner Noble-Rot-Restaurants wird L’Antidote bis heute glas- und flaschenweise angeboten.

Aus einem anfänglichen Nebenprojekt ist inzwischen ein wesentlicher Schwerpunkt des Betriebs geworden: 2020 produzierte Domaine des Grottes rund 10.000 Flaschen L’Antidote, 2024 waren es bereits 87.000. Damit lag allein die Produktion dieser alkoholfreien Cuvée beinahe neunmal so hoch wie die Beaujolais-Produktion des Betriebs (Feiring, 2024).

Domaine des Grottes zeigt damit besonders deutlich, dass ein alkoholfreies Getränk für ein Weingut mehr als eine ergänzende Produktlinie sein kann. Aus der anderen Verwendung der eigenen Trauben, Kräuter und landwirtschaftlichen Flächen ist eine eigenständige und für den Betrieb zentrale Kategorie entstanden.

Diese Projekte zeigen, dass die Zukunft alkoholfreier Getränke nicht ausschließlich in besseren Entalkoholisierungsverfahren liegt. Sie entsteht auch dort, wo Winzer:innen ihre Arbeit weiterdenken: die Traube anders einsetzen, das Ökosystem rund um den Weinberg einbeziehen oder ihr Wissen aus Wein- und Sektherstellung auf neue Rohstoffe übertragen.

Die spannendsten Projekte entstehen für uns dort, wo die Reaktion auf einen wachsenden Markt nicht die einzige Idee bleibt. Sie entstehen dort, wo Landwirtschaft, Herkunft, Fermentation und kulinarische Entwicklung genutzt werden, um etwas hervorzubringen, das auch ohne alkoholisches Vorbild eine eigene Berechtigung besitzt.

Von AF und No/Low zu einer neuen Getränkekultur

AF steht für „alcohol-free“. In Österreich begegnet uns dafür auch häufig der Begriff „antialkoholisch“. Mit diesem tun wir uns allerdings schwer – denn wir sind keinesfalls gegen etwas. Ob, wann und wie viel Alkohol jemand konsumieren möchte, sollte jede Person selbst entscheiden können.

Gleichzeitig erleben wir eine Entwicklung, die weit über einzelne Verzichtsmonate oder eine reine Abstinenzbewegung hinausgeht. Die Getränke, die dabei entstehen, sind nicht bloß Lösungen für Menschen, die gerade keinen Alkohol trinken. Sie ausschließlich unter der Überschrift „alkoholfrei“ zu verstecken und auf diese eine Eigenschaft zu reduzieren, wäre für uns ungefähr so, als würde man einen grünen Salat für eine vollwertige vegetarische Option halten.

Wir haben deshalb lange nach einem Begriff gesucht, der diese Getränke aus dem Schatten der reinen Alternative holt. Unser Freund und Unterstützer Roman Sydorenko machte uns schließlich auf den Begriff No/Low Speciality Beverages aufmerksam – eine Bezeichnung, die wir heute sogar als Teil unseres Namens tragen.

Für uns trifft sie den Kern der Kategorie: Wir kuratieren keine beliebigen Ersatzprodukte, sondern Getränke aus handwerklich arbeitenden Manufakturen, bei denen Herkunft, Rohstoffe, Fermentation, Destillation, Cuvéetierung und die Idee der Produzent:innen eine ebenso große Rolle spielen wie der Alkoholgehalt.

Sie richten sich an Getränkeenthusiast:innen, neugierige Genießer:innen, moderne Gastgeber:innen und Gastronom:innen, die ihren Gästen mehr anbieten möchten als eine Ausweichlösung. Sie zeigen, dass wir den Punkt der bloßen Alternative längst hinter uns gelassen haben. No/Low Speciality Beverages sind eine eigenständige Getränkekategorie – mit unterschiedlichen Stilen, Herstellungsverfahren und Einsatzmöglichkeiten.

Wir erleben diese Veränderung unmittelbar in der Gastronomie und in unserem Bottleshop im siebten Wiener Gemeindebezirk. Gäste und Kund:innen fragen nicht mehr nur nach „etwas Alkoholfreiem“, sondern nach einer überzeugenden Begleitung zum Menü, einem eigenständigen Aperitif oder einem komplexen Getränk für einen langen Abend.

Zu den Betrieben, mit denen wir arbeiten, gehören unter anderem das Mraz & Sohn, JOLA, lara, &flora, ROSI und die Calypso Bar in Wien sowie Tulus Lotrek in Berlin. Die Bandbreite reicht damit vom Fine-Dining-Restaurant über moderne gastronomische Konzepte bis zur spezialisierten Bar.

Unsere Getränke übernehmen dort ganz unterschiedliche Aufgaben. Mit ihnen werden vollständige Menüs begleitet, einzelne Gänge präzise ergänzt oder alkoholfreie Begleitungen gezielt auf die Signature Dishes eines Hauses abgestimmt. Manchmal stehen sie fest auf der Getränkekarte, manchmal werden sie gezielt für ein Menü, ein Pairing oder einen besonderen Abend ausgewählt.

Vor allem sorgen sie dafür, dass auch jene Gäste selbstverständlich am gesamten gastronomischen Erlebnis teilnehmen können, die an diesem Abend keinen Alkohol trinken möchten oder können – etwa weil sie mit dem Auto unterwegs sind, schwanger sind, am nächsten Morgen früh starten oder sich einfach bewusst dagegen entscheiden.

Eine gute alkoholfreie Begleitung sollte dabei nicht wie eine Ersatzlösung wirken. Sie darf Säure, Tannin, Fermentation, Bitterkeit, Textur und Länge mitbringen und auf ein Gericht ebenso präzise reagieren wie ein Wein. Sie kann Aromen aufnehmen, Kontraste schaffen, den Gaumen zwischen zwei Gängen neu ausrichten oder ein Menü über mehrere Stunden hinweg strukturieren.

Gemeinsam mit unseren gastronomischen Partner:innen entstehen so vielfältige und anspruchsvolle Getränkeprogramme, die weit über den klassischen Fruchtsaft-Cocktail hinausgehen. Orte wie die Calypso Bar oder die Bar des The Amauris zeigen zugleich, wie moderne Mixologie alkoholfreie Zutaten in eigenständige Drinks übersetzt und damit eine anspruchsvolle Barkultur lebendig werden lässt.

Unsere gastronomischen Partner:innen, private Gastgeber:innen und viele weitere neugierige Menschen zeigen, wie alkoholfreie Getränke heute präsentiert werden können: nicht als Notlösung oder verkürzte Kopie, sondern als eigenständiger Bestandteil eines modernen Getränkeangebots.

Gute Gastfreundschaft bedeutet für uns, wählen zu können – zwischen Wein, einem fermentierten Proxy, Kombucha, Sparkling Tea, einer Frucht-Cuvée, einem alkoholfreien Elixier oder einer bewusst alkoholreduzierten Begleitung.

Diese Wahl erweitert das Erlebnis am Tisch und an der Bar, statt es einzuschränken. Denn Neugier schärft die Sinne.

Quellen

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Europäische Union (2026): Verordnung (EU) 2026/471 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Februar 2026.

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Feiring, A. (2024): „The Best Nonalcoholic Natural Wine Is L’Antidote“. PUNCH.

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ORF Niederösterreich (2026): Erste Anlage für alkoholfreien Wein in Krems

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