Wine Proxy's wie diese zeigen: es gibt kein starres Rezept. Es ist eine Kategorie für Getränke, deren Ausgangsstoffe durch Fermentation oder Destillation veredelt und anschließend zu einer Cuvée verbunden werden. Manche orientieren sich stärker an der Säure, dem Tannin oder der Aromatik von Wein. Andere entfernen sich bewusst davon und entwickeln eine vollkommen eigene geschmackliche Sprache.
Entscheidend ist nicht, ob das Getränk tatsächlich wie Wein schmeckt. Entscheidend ist, ob es jene Komplexität, Spannung und gastronomische Tiefe besitzt, die eine bewusste Verkostung und die Begleitung eines Essens interessant machen.
Sparkling Tea, Pét-Nat Tea und Kombucha: Tee als Essensbegleitung
Tee zählt aus kulturhistorischer und sensorischer Sicht neben Wein zu den komplexesten Getränkekategorien. Beide Getränke sind tief mit ihren Herkunftsregionen, jahrhundertealten Traditionen und unterschiedlichen Formen handwerklicher Verarbeitung verbunden.
Wie bei Wein bestimmen auch bei Tee zahlreiche Faktoren den späteren Geschmack: geografische Herkunft und Anbaubedingungen, Pflanzensorte, Erntezeitpunkt sowie die Art der Verarbeitung. Welken, Rollen, Trocknen, Oxidieren, Rösten, Reifen oder Fermentieren können aus demselben pflanzlichen Ausgangsmaterial vollkommen unterschiedliche Getränke entstehen lassen. Forschungsergebnisse zeigen entsprechend, dass sowohl Kultivar und Herkunft als auch Ernte und Verarbeitung das chemische und sensorische Profil eines Tees wesentlich prägen (Bortolini et al., 2021; Wang et al., 2019).
Aus den Blättern der Teepflanze Camellia sinensis entstehen unter anderem weißer, grüner, gelber, Oolong-, schwarzer und dunkler Tee. Dabei ist wichtig: Was bei schwarzem Tee traditionell häufig als „Fermentation“ bezeichnet wird, ist überwiegend eine enzymatische Oxidation. Enzyme fördern die Oxidation der im Blatt enthaltenen Polyphenole und tragen so entscheidend zur Farbe, Aromatik und Struktur des schwarzen Tees bei (Wang et al., 2019).
Tee besitzt von Natur aus viele Eigenschaften, die für eine gastronomische Getränkebegleitung entscheidend sind: Gerbstoffe, Bitterkeit, Umami, aromatische Tiefe, Textur und Länge. Je nach Sorte, Herkunft und Verarbeitung kann er floral, grasig, zitrisch, nussig, rauchig, erdig, fruchtig oder würzig wirken (Bortolini et al., 2021).
In vielen asiatischen Ländern begleitet Tee eine Mahlzeit mit einer Selbstverständlichkeit, die in Europa eher dem Glas Wein vorbehalten ist. Hierzulande wird er dagegen bislang nur selten als eigenständiger Begleiter zu einem Menü verstanden. Moderne Herstellungsweisen können Tee stärker an jene sensorischen Erwartungen annähern, die ein europäisch geprägter Gaumen lange vor allem mit Wein verbunden hat: Durch Blending, Fermentation, Extraktion oder Karbonisierung entstehen Getränke mit zusätzlicher Säure, Textur, Perlage und Länge, die zugleich den Charakter des Tees bewahren.
So lassen sich diese Getränke leichter als Aperitif oder Menübegleitung in europäisch geprägten Küchen einsetzen. Sie ersetzen dabei nicht den klassischen Tee, sondern eröffnen einen weiteren Zugang zu seiner aromatischen Vielfalt und gastronomischen Tiefe.
Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha und Wine Proxy im Vergleich
Sparkling Tea: Tee mit Perlage
Sparkling Tea basiert meist auf einer Cuvée aus unterschiedlichen Tees und Tisanes. Tisanes sind Aufgüsse aus Pflanzen, die nicht von der klassischen Teepflanze Camellia sinensis stammen – etwa Kräuter, Blätter, Blüten, Früchte oder Gewürze.
Die einzelnen Komponenten werden häufig bei unterschiedlichen Temperaturen und Ziehzeiten extrahiert und anschließend miteinander verblendet. Fruchtsäfte, Verjus, Kräuterauszüge oder andere botanische Bestandteile können zusätzliche Säure, Körper und aromatische Tiefe einbringen.
Bei nahezu allen Sparkling Teas wird die fertige Cuvée karbonisiert; eine Fermentation des gesamten Getränks steht meist nicht im Mittelpunkt. Sparkling Teas können dadurch leicht und zugänglich wirken, zugleich aber genügend Struktur für einen Aperitif, eine Menübegleitung oder einen festlichen Anlass besitzen.
Ein frühes und besonders eigenständiges Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist Von Wiesen aus Deutschland. Das Projekt überträgt die Idee des Sparkling Teas konsequent auf die Aromen einer mitteleuropäischen Landschaft. Statt Grüntee, Schwarztee oder Oolong bilden regionale Kräuter und Blätter wie Eisenkraut oder Brombeerblatt die Grundlage. Hinzu kommen Früchte von regionalen, biologisch bewirtschafteten Betrieben und naturbelassenen Streuobstwiesen.
Die vorhandene Süße stammt aus den eingesetzten Direktsäften; zusätzlicher Zucker wird nicht benötigt. Bei Eisenkraut & Quitte treffen beispielsweise ein Eisenkrautaufguss und Quittensaft auf Hopfen sowie eine kleine Menge Saft aus milchsauer fermentiertem Knollensellerie, der zusätzliche Struktur und Umami einbringt. Fermentation ist hier also durchaus Teil der Herstellung, prägt aber nur eine einzelne Komponente und nicht den grundsätzlichen Charakter des Getränks. Nach dem Blending wird die Cuvée karbonisiert und abgefüllt. Hier stehen die Primäraromen regionaler Früchte, Kräuter und Blätter im Mittelpunkt.
Ein österreichisches Beispiel ist La Maison Tea Royal, ein gemeinsames Projekt der Weingüter Schauer und Firmenich aus der Südsteiermark. Hier stehen klassische Teesorten stärker im Mittelpunkt, die mit Kräutern, Blüten, Gewürzen und Bestandteilen aus den eigenen Weingärten zu alkoholfreien Cuvées verbunden werden.
Pét-Nat Tea: natürlich fermentierter und prickelnder Tee
Pét-Nat Tea verbindet Tee oder Kräuteraufgüsse mit natürlicher Fermentation. Der Name leitet sich von „Pétillant Naturel“ ab. Wie bei seinem Vorbild aus der Weinwelt erzeugt die Gärung nicht nur neue Aromen und Struktur, sondern auch die natürliche Perlage.
Im Unterschied zum klassischen Sparkling Tea wird die Teebasis dabei geschmacklich transformiert. Hefen und Bakterien wandeln Zucker um und erzeugen Säure, Kohlensäure und neue aromatische Verbindungen. Je nach Ausgangsmaterial, verwendeter Kultur, Fermentationsdauer und Reifung können die Getränke floral, kräutrig, fruchtig, erdig, würzig oder deutlich von Fermentationsnoten geprägt sein.
Ein prägendes Beispiel ist AMA Impossible Pétillant Naturel, ehemals AMA Brewery, aus dem Baskenland. AMA arbeitet mit hochwertigen Herkunftstees und Kräutern von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben sowie regionalem Quellwasser. Die Aufgüsse werden mit ausgewählten Hefe- und Bakterienkulturen natürlich fermentiert und entwickeln sich anschließend in der Flasche weiter. Je nach Abfüllung entstehen sowohl alkoholfreie als auch alkoholreduzierte Pét-Nat Teas.
Die verwendeten Tees und Pflanzen sind dabei keine neutralen Träger, sondern prägen den Charakter jeder Abfüllung. Der alkoholfreie AMA No. 540 Lemongrass wirkt auf seiner Grüntee-Basis aus Sencha mit Zitrusblättern, grünen Kräutern, trockenem Heu und feinen Gewürznoten frisch und geradlinig. Der AMA No. 5 Jasmine Silver Needle mit 1,5 % vol zeigt dagegen eine florale, fast honigartige Aromatik mit Noten von Akazie und weißen Blüten. Fermentation, Reifung und natürliche Perlage erweitern die ursprünglichen Aromen und geben den Getränken zusätzliche Textur und Tiefe.
Auch Combuchont aus Oberösterreich gehört für uns klar in die Kategorie Pét-Nat Tea. Küchenchef Klemens Gold verarbeitet hochwertiges Alpenwasser, Gyokuro und Oolong und fermentiert die Tees mit einer eigens kultivierten Hefekultur. Der entstandene Ferment wird anschließend unter anderem mit im Holz ausgebautem Tee und botanischen Komponenten wie Feigenblatt oder Shiso assembliert.
Bei der alkoholfreien W/O-Serie entsteht auch die Perlage überwiegend durch die eigene Fermentation: Rund 60 Prozent der Kohlensäure bilden sich im Getränk selbst. Die übrigen etwa 40 Prozent stammen als natürlich gewonnenes CO₂ aus der Weingärung des Weinguts Bründlmayer. Combuchont verbindet damit natürliche Fermentation, Assemblage, Reifung und eine ergänzende Karbonisierung.
Die W/O-Serie zeigt zugleich, dass die Grenzen zwischen Sparkling Tea und Pét-Nat Tea nicht immer vollkommen starr sind. Entscheidend für unsere Einordnung ist, welcher Herstellungsschritt den Charakter des Getränks prägt. Da bei Combuchont die Fermentation die Teebasis transformiert und einen wesentlichen Teil der Perlage erzeugt, ordnen wir die Abfüllungen als Pét-Nat Tea ein.
Da bei natürlicher Fermentation auch Alkohol entstehen kann, ist Pét-Nat Tea nicht automatisch ein 0,0-Prozent-Produkt. Manche Abfüllungen sind alkoholfrei, andere fallen in den Low-Alcohol-Bereich.
Kombucha: fermentierter Tee
Auch Kombucha beginnt mit Tee. Klassischerweise wird ein gesüßter Teeaufguss mithilfe einer symbiotischen Kultur aus Hefen und Bakterien fermentiert, die häufig als SCOBY bezeichnet wird (Wang et al., 2022).
Während dieses Prozesses bauen Hefen einen Teil des Zuckers ab und bilden dabei unter anderem geringe Mengen Alkohol und Kohlendioxid. Essigsäurebakterien verstoffwechseln einen Teil des entstandenen Alkohols weiter und erzeugen Essigsäure sowie weitere organische Säuren. Dadurch verändert sich der Tee grundlegend: Die Süße nimmt ab, Säure entsteht und die Aromatik entwickelt zusätzliche fermentative Ebenen (Wang et al., 2022).
Kombucha kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Manche Produkte sind leichte, frische Durstlöscher in kleinen Flaschen. Andere sind trocken, komplex und ausdrücklich als gastronomische Begleiter konzipiert. Teeart, Zuckergehalt, Fermentationsdauer, Temperatur und die Zusammensetzung der verwendeten Kultur beeinflussen das Ergebnis. Früchte, Kräuter oder Gewürze können das Aromaprofil anschließend oder bereits während der Fermentation zusätzlich prägen (Wang et al., 2022).
BOUCHE aus Berlin produziert beispielsweise Kombucha und limitierte Proxy Wines. FOLK aus Kopenhagen arbeitet mit rohem, unpasteurisiertem und lebendigem Kombucha. Die Getränke werden langsam fermentiert und nicht gefiltert. Früchte, Beeren, Kräuter und Blüten ergänzen den Tee, ohne seinen fermentierten Charakter zu überdecken.
Kombucha ist nicht automatisch ein 0,0-Prozent-Produkt. Während der Fermentation bilden Hefen Alkohol, den Essigsäurebakterien teilweise zu Essigsäure umwandeln. Je nach Rezeptur, Mikroorganismen, Fermentationsdauer und Lagerung kann jedoch Restalkohol im fertigen Getränk verbleiben (Chan et al., 2021). Bei kein&low geben wir den Alkoholgehalt deshalb für jedes Produkt separat an.
Fermentierter Tee bildet zugleich die Grundlage vieler Wine Proxies. Dort ist der Kombucha jedoch nicht das fertige Getränk, sondern ein Baustein, der Säure, Textur und fermentative Tiefe in die spätere Cuvée einbringt.
Bei SIUS aus Österreich bildet eine kontrollierte Kombucha-Fermentation aus ausgewählten Tees das aromatische Gerüst. Sie bringt organische Säuren, Textur und Länge ein. Anschließend wird die Basis mit Kräutern, Holz und regionalen Früchten zu den jeweiligen Cuvées weiterentwickelt.
Einen besonders zeitintensiven Ansatz verfolgt Nivers aus Frankreich. Dort werden hochwertige Teeansätze mindestens sechs Monate lang mit einer Kombucha-Kultur fermentiert. Heiß- und Kaltextraktionen dienen dazu, Tannin, Umami und feine Säure zu entwickeln und auszubalancieren. Erst danach werden die Fermente mit Verjus aus Bordeaux und botanischen Aufgüssen cuvetiert.
Obwohl Kombucha beziehungsweise fermentierter Tee bei diesen Produzent eine zentrale Grundlage bildet, ordnen wir die fertigen Getränke den Wine Proxies zu. Ausschlaggebend ist, dass der Fermentationsansatz anschließend weiterverarbeitet, verfeinert und mit weiteren Komponenten zu einer neuen Cuvée aufgebaut wird. Der Kombucha ist hier also nicht das Ziel, sondern ein Baustein für zusätzliche Säure, Struktur und aromatische Tiefe.
Die Grenzen zwischen Sparkling Tea, Pét-Nat Tea, Kombucha und Wine Proxy verlaufen nicht immer eindeutig. Viele Produzent entwickeln eigene Methoden, die Elemente mehrerer Kategorien miteinander verbinden. Für unsere Einordnung entscheidet deshalb nicht allein die Zutatenliste, sondern vor allem der Herstellungsschritt, der den Charakter des fertigen Getränks prägt.
Die Unterschiede im direkten Vergleich